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Julia Pankratyeva

Frau Pankratyeva ist in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen. Sie stammt aus der kleinen Stadt Kirowograd, einer sehr landwirtschaftlich geprägten Region, die heute zur Ukraine gehört.
Ihre ehrenamtliche Tätigkeit beginnt sehr früh. Bereits als Schülerin vertritt sie erkrankte Lehrerinnen und Lehrern in den jüngeren Klassen. Nach dem Schulabschluss studiert sie Ingenieurswesen mit dem Schwerpunkt Metallurgie und arbeit anschließend als Ingenieurin. Neben ihrem Beruf organisiert sie Feste für die Kinder der Kollegschaft und hilft der örtlichen Schule bei der Sozialarbeit. Schon damals zeigt sich, dass ihr der Einsatz für die unmittelbare soziale Umgebung und eine lebendige Nachbarschaft besonders am Herzen liegen.

In den neunziger Jahren verändert sich ihr Leben stark. Obwohl sie weiter als Ingenieurin arbeiten kann, wird das Leben in der noch jungen Ukraine für die Familien schwierig und die Idee wächst, das Land zu verlassen. Ihre Familie hört von dem Kontingentflüchtlingsgesetz und überlegt einen Antrag zu stellen.
Im Jahr 1996 kommt Frau Pankratyeva so mit ihrer Familie nach Deutschland und verbringt die erste Zeit mit ihrem Mann, ihrem Sohn und sechs weiteren Verwandten in einem Aufnahmelager in Thüringen. 1997 folgt der Umzug in die Wahlheimat Berlin und erst dann, sagt sie, fühlte sie sich in Deutschland angekommen und bereit, ein neues Leben zu beginnen. Wohlüberlegt zieht die Familie in die Gropiusstadt, weil sie einerseits eine gute Infrastruktur und Verkehrsanbindung für die sehschwache Mutter bietet und andererseits stark an die Architektur der alten Heimat erinnert.

Frau Pankratyeva sagt, dass sie diese Entscheidung nie bereute, noch nicht einmal Heimweh hatte oder eine besondere Verbundenheit zur heutigen Ukraine verspürt. Frau Pankratyeva sieht sich selbst als Weltbürgerin, für die weder nationale, religiöse noch kulturelle Zugehörigkeiten im Vordergrund stehen, sondern stets die Begegnung zwischen den Menschen.

Ehrenamtliches Engagement in Berlin

Zu Beginn ihrer Zeit in der neuen Heimat und mit geringer Sprachkenntnis versucht sie, die ersten Kontakte in der Nachbarschaft zu knüpfen. Eines Tages entdeckt sie in der Lokalzeitung eine Annonce für ein Treffen von Aussiedlerinnen und Aussiedlern im Gemeinschaftshaus in der Gropiusstadt. Dort lernt sie eine Deutschlehrerin kennen, mit der sie anfängt, kleine Projekte zu planen. Ab 1998 beginnt sie, Spaziergänge zu organisieren, erkundet die Stadtgeschichte und kennt sich bald besser in Berlin aus, als die meisten Berlinerinnen und Berliner. Bis zu 50 Personen nehmen an diesen Spaziergängen teil, die zunächst nur auf Russisch und später auch auf Deutsch stattfinden.

2002 trifft sie bei der Eröffnung eines Jugendclubs den damaligen Bezirksbürgermeister von Neukölln, Herrn Buschkowsky. Sie erzählt ihm von ihren Ideen für die Sozialarbeit in der Gropiusstadt und bekommt kurze Zeit später ihr erstes Angebot zur Koordinierung eines Projektes für Aussiedlerinnen und Aussiedler.
Nach einer weiteren Projektmitarbeit und zusätzlichen ehrenamtlichen Sprachmittlungen in der Koordinierungsstelle „Rund ums Alter“ in Tempelhof-Schöneberg, beginnt Frau Pankratyeva, ihre eigenen Projektideen zu entwickeln. Sie vernetzt sich in der Gropiusstadt und darüber hinaus mit anderen Engagierten und setzt sich mit der Umsetzung von Sozialprojekten auseinander. Bald ist klar, dass die vielen Aktivitäten in einer Struktur gebündelt werden müssen und so folgt im Jahre 2005 die Gründung des Vereins ImPULS e.V.

Gründung von ImPULS e.V.

Ausschlaggebend für die Gründung des Vereins ist die Teilnahme an der Initiative „Wir leben gerne in der Gropiusstadt“. Mit einer Gruppe Gropiusstädter, die alle unterschiedlicher Herkunft sind, reinigt Frau Pankratyeva den Sportplatz einer Schule, organisiert Sportgruppen und Sportfeste. Daraufhin erhält die Gruppe einen Preis von 500€ von der Bürgerstiftung Neukölln. Ganz pragmatisch stellt sich die Frage: Wohin mit dem Preisgeld? Auf welches Konto soll es überwiesen werden? Frau Pankratyeva, für die dieses nur ein Projekt von vielen ist, wird schnell klar: es muss ein Verein gegründet werden!
Mit sieben weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern gründet sie so 2005 den Verein ImPULS e.V., der seitdem zu den zentralen Akteuren in der Nachbarschaftsarbeit der Gropiusstadt gehört.
Seit 2014 ist der Verein Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und wird von Frau Pankratyeva als ehrenamtliche Geschäftsführerin geleitet.

Vielfältige Projekte für eine vielfältige Gropiusstadt

Mit den Jahren verändert sich die Nachbarschaft der Gropiusstadt. Als Vorsitzende des noch jungen Vereins beobachtet Frau Pankratyeva einen starken Zuzug von Menschen arabischer Herkunft und entwickelt daraufhin die Idee eines interkulturellen Nachbarschaftstreffs.
Im Jahr 2007 entsteht so der Interkulturelle Treffpunkt (IKT). Er ist seither feste Institution im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt, ist Begegnungsstätte sowie soziokulturelles Beratungs- und Bildungszentrum in Einem.
Der Verein schafft es, durch den IKT Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Altersgruppen durch eine Mischung aus verschiedenen künstlerischen Gruppenangeboten, Beratungsangeboten und offenem Treff in ein nachbarschaftliches Miteinander zu bringen. Es sind mindestens 150 Gropiusstädterinnen und Gropiusstädter, die wöchentlich den IKT besuchen, um an Kursen teilzunehmen oder den offenen Bereich zu nutzen.

Frau Pankratyeva zitiert gerne die Kulturamtsleiterin Frau Dr. Kolland, die den IKT und den Verein ImPULS e.V. als offenste Struktur bezeichnet, die sie unter den Einrichtungen von und für Migrantinnen und Migranten in Neukölln kennt. Diese Feststellung ist für Frau Pankratyeva ein großes Kompliment, weil sie nicht nur den kulturell offenen, sondern auch den partizipativen Charakter ihrer Arbeit hervorhebt.
Ein ganz besonderes Projekt ist die Begegnung der Kulturen - eine Veranstaltungsreihe, die zweimal im Jahr stattfindet und mit Blick auf Vielfalt und Dimension in Berlin einzigartig ist. Neben einer kleinen bikulturellen Veranstaltung im Frühling findet im Herbst die große Begegnung statt, bei der Tanzgruppen, Sängerinnen und Sänger sowie Chöre aus bis zu 20 verschiedenen Ländern auftreten. Jedes Jahr zählt dieses Event bis zu 150 Darstellende und über 300 Gäste.

Weitere Ehrenamtliche Projektkoordination

Neben diesen beiden großen und langjährig durchgeführten Projekten, realisiert Frau Pankratyeva im Verein eine Vielzahl an Unterhaltungs-, Mitmach-, Begegnungs- und Integrationsveranstaltungen.
Trotz des großen Erfolges der vielen interkulturellen und nachbarschaftlichen Projekte, konnte eine gute, langfristige Finanzierung in all den Jahren nicht gewährleistet werden.
Bei vollzeitigem Engagement gab es immer nur die Möglichkeit einer Teilzeitbeschäftigung, meist über den Interkulturellen Treffpunkt. Da jedoch viele der Aktivitäten, wie die Organisation von Ausstellungen, Bastel- und Kochabende, Sing- und Tanzgruppen ineinander übergehen, ist eine klare Trennung zwischen hauptamtlicher und ehrenamtlicher Projektarbeit schwierig. Sie selbst sagt: „Ich komme um 10, ich gehe um 10. Das ist normal für mich. Welche Stunde ehrenamtlich ist, welche Stunde hauptamtlich, kann ich nicht sagen.“.

Zusätzlich war sie zwischen den Projektphasen oft Monate lang arbeitslos, ohne, dass sie sich jemals eine längere Auszeit gegönnt hat. Ihre Verantwortung für die Menschen, die zu ihr kommen, steht an erster Stelle und so organisierte sie weiterhin musikalische Abende, Familiencafés und internationale Feste.
Derzeitige ehrenamtliche Tätigkeiten umfassen Filmprojekte, Lesungen für Erwachsene und Kinder auf fünf Sprachen, die Organisation von Quiz-Shows, Jazz-Konzerten, Ökumenischen Gesprächen, Spaziergängen, der „längsten Kaffeetafel in der Gropiusstadt“ und vieles mehr.

Vernetzung

Frau Pankratyeva hat mit dem Verein ein dichtes Netz von Kooperationen mit einer Vielzahl anderer Einrichtungen aufgebaut. An dieser Stelle kann nur eine Auswahl genannt werden: Kulturnetzwerk Neukölln, Stadtteilzentrum Neukölln, Netzwerk Gropiusstadt, Ökumene Neukölln-Süd, Jüdische Gemeinde Potsdam, Neuköllner Dialog (Zusammenschluss von mehr als 15 Vereinen und Initiativen), Arbeitskreis Kultur, Selbsthilfegruppen Neukölln, Not- und Gemeinschaftsunterkünfte sowie der Migrations- und Integrationsrat Land Brandenburg e.V..
Außerdem ist Frau Pankratyeva seit 2005 Mitglied im Migrationsbeirat Neukölln und seit 2006 im Quartiersrat Gropiusstadt, den sie zeitweise als stellvertretende Vorsitzende leitete.

Seit über 20 Jahren ist Frau Pankratyeva nun schon ehrenamtlich aktiv. Durch ihre Tätigkeiten leistet sie einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Verständigung und dem Zusammenleben im Land Berlin. Mit viel Hingabe und Kreativität schafft sie Möglichkeiten der Begegnung und bereichert somit nicht nur die Gropiusstadt, sondern ganz Berlin.

gefördert durch

Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung
Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales

Träger

Arbeiterwohlfahrt Berlin Spree-Wuhle e. V.
Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V.